top of page
baum hintergrund.jpg

Das Familiengedächtnis

baum mit wurzel2.jpg
Yaya Encarna 1
Paula
00:00 / 00:37

Paula (Urenkelin von Encarna): die Geschichte meiner Familie. Angefangen bei meiner Urgroßmutter, die einen komplizierten Start hatte, als sie als Baby verlassen und bei einer fremden Familie zurückgelassen wurde. Ich weiß, dass es ihr danach eine Zeit lang gut ging, aber dann traf sie einige Entscheidungen in ihrem Leben, die sie auf einen anderen Weg brachten. Mit meiner Urgroßmutter mütterlicherseits hatte ich Kontakt, aber ich habe nie mit ihr über ihr Leben gesprochen. Natürlich sind Geschichten über die Familie erzählt worden, aber nicht direkt durch sie.

Dani (Enkel)
00:00 / 00:18

​​Dani(Urenkel von Encarna): Wie würde ich Urgrossmutter Encarna beschreiben? Als ich sie kennenlernte, war sie eine ruhige Person. Sie hat mich immer gefragt, wie es mir gehe, hat immer gelächelt, aber ich habe nicht so viele Informationen über Encarna.

Lola (Tochter)
00:00 / 00:06

Lola: (Enkelin von Encarna, Tochter von Loli): Nein, meine Großmutter hat uns nie etwas über ihre Vergangenheit erzählt. Niemals.

2.1.JPG
Loli
00:00 / 00:40
Montse & Lola
00:00 / 01:17

Montse (und Lola) (Enkelinnen von Encarna): Meine Großmutter hatte auch keine Eltern. Angeblich hat ihre Mutter sie nach der Geburt alleine gelassen und steckte ihr Dinge in den Bauchnabel, um zu sehen, ob sie sich infiziert und stirbt. Eines Tages merkte die Mutter, dass die Nachbarn sich um das Baby kümmerten, gab sie ihnen und verschwand. Meine Grossmutter wurde dann von einer Frau grossgezogen, die sie sehr liebte, aber als sie meinen Großvater kennenlernte und mit ihm wegging, wurde sie verstossen. Ich schätze, es war so etwas wie "du bist genau wie deine Mutter (eine Hure) und das alles". Mein Großvater war der typische gutaussehende Kerl, der sie alleine liess und verschwand. Und heute bringe ich Geld mit, morgen bringe ich kein Geld mit und so weiter. Meine Großmutter hatte drei Kinder mit einem Mann, von dem sie wusste, dass er viele andere Kinder mit anderen Frauen hatte. Also brachte meine Großmutter die beiden Kleinen, meinen Onkel Juan und meinen Onkel Eduardo, in ein Waisenhaus. Meine Mutter und mein Onkel Antonio blieben bei der Großmutter (der Mutter des Mannes, mit dem sie ihre ersten drei, (unehelichen) Kinder hatte  und meine Großmutter sagte zu ihr: "Ich werde sie behalten. Geh du  nach Barcelona, zu einer Schwägerin. Sie wird ein Haus und einen Job für dich finden. Sie musste etwas tun, denn in Málaga wurde alles immer schlimmer.

29700866146_2cfa19f888_b_edited.jpg

Loli (Tochter von Encarna): Ich habe nie jemanden von den Vorfahren meiner Mutter Encarna kennengelernt. Auch meine Mutter wurde verlassen, wie ich. Ihre Mutter ging zur Arbeit und steckte ihr ein Stück leere Walnuss mit ein paar Würmern in den Bauchnabel, damit sie sie fressen und hat sie zurückgelassen, ohne ihr Essen zu geben oder sonst etwas. Aber dann kam diese Dame und heilte sie und fütterte sie und das Mädchen wurde jeden Tag dicker und schöner, bis die Mutter es merkte und sie ihr schenkte. Meine Mutter musste also auch vieles durchmachen.

b5c02bbc09bccd29543663385a9e0cd0_edited.
Montse
00:00 / 00:50

Montse: Meine Grossmutter hat nicht viel geredet. Ich kenne einige Episoden. Diese hat sie aber immer als kleine Abenteuer erzählt. Episoden mit meinem Grossvater, dem Vater meiner Mutter, der ein Macho war. Sie erzählte mir alles als Witz, ohne in die Tiefe zu gehen. Ich glaube, sie hat niemandem von ihren dunklen Momenten erzählt. Sie lebte in Málaga. Sie hat ihre Kinder verlassen. Sie ließ sie in den Händen ihrer Großmutter väterlicherseits, aber diese hatte nicht einmal genug, um sie zu ernähren. Meine Grossmutter verliess meine Mutter, als sie 7 Jahre alt war, und ging alleine nach Barcelona. Sie kam erst zurück, als sie 14 war. Meine Mutter denkt bis heute, dass ihre Mutter sie dann nach Barcelona mitnahm, weil sie alt genug war, um zu arbeiten und weil sie als grosse Familie eine Wohnung vom Staat bekamen. Mit anderen Worten: Sie hat nie Zuneigung oder Liebe gespürt.

Lola
00:00 / 01:16

LOLA: Ich habe schon in meiner Jugend Informationen von meiner Familie gesammelt, weil uns immer sehr wenig erzählt wurde. Wir mussten immer ein bisschen von dort und ein bisschen von dort nehmen und das Puzzle zusammensetzen.

Meine Familie stammt mütterlicherseits aus Andalusien. Gemäss dieser Geschichte, wie ich sie kenne, musste meine Großmutter und meine Mutter dort in Not leben, das hat sie dazu bewogen nach Barcelona zu kommen.

Meine Mutter und zwei, drei ihrer Geschwister wurden von einer alten Frau aufgezogen. Meine Großmutter kam nach Barcelona, als ihre Kinder klein waren und brachte sie erst nach Barcelona, als sie alt genug zum Arbeiten waren. Sie kümmerte sich nicht um ihre Erziehung oder alles, was mit ihrer Ausbildung oder ihrer Gesundheit zu tun hatte. Ich glaube, sie konnte sich selbst nie das Leben, das sie geschaffen hatte, verzeihen. Das sind Dinge, die ich der Yaya Encarna oft vorgeworfen habe. Du kannst nicht anderen Menschen die Schuld geben oder sie ablehnen, nur weil dir danach ist.

1.3.jpg
7062033.jpg
Loli
00:00 / 00:54

Loli: In Málaga hatte ich eine sehr schlechte Kindheit. Ich musste barfuss gehen, betteln, hungern ... hatte keine Kommunion, keinen Geburtstag, kein Kleid. Es gab Tage, an denen ich gut arbeitete und verdiente, und Tage, an denen mein Onkel meine Kleider nahm und, da er fünf Kinder hatte, sie auf die Straße warf, und mein Bruder und ich uns umarmten und meine Großmutter sagte: "Nimm sie Miguelito, der Kindermörder  kommt um aus ihrem Fett Schmalz und Seife zu machen", und wir sagten: "Aber wie denn, wenn wir nicht mal Fleisch an unserem Körper hatten?

foto juan gonzalez 001.jpg
Loli
00:00 / 01:08

Das familiäre Umfeld? Es war Elend, wie jeder es damals hatte ......... ein Kilo Brot für 8 Kinder  wie kleine Krümel gegessen, ein bisschen hier und noch ein bisschen da versteckt, damit es länger hält. Mein Bruder Antonio mit mir. Mein Juan war schon im Heim der Barmherzigkeit und mein Eduardo im Heim „zum Milchtropfen“, ohne dass sie einander überhaupt kannten. „La Misericordia“ war eine Schule und „Gota de leche“ war das Waisenhaus.

Als mein Bruder Eduardo älter wurde, versetzten sie ihn von der „Gota de leche“ zur „Misericordia“ und dort waren Juan und Eduardo in der gleichen Schule und sie kannten sich nicht. Ich besuchte meinen Bruder Juan, der schon 10 oder 11 Jahre alt war, und er sagte zu mir: "Loli, sie haben mir gesagt, dass du mir ein Paar Schuhe kaufen sollst". Und ich fragte mich, wo kann ich sie für ihn kaufen? Er trug keine Schuhe oder Socken, das ist mir bis heute in der Seele geblieben.

 

Schöne Erinnerungen hatte ich mit meinen Onkeln, mit meinen Cousins, wenn der 18. Juli kam und er uns eine 12 Kilo schwere Wassermelone kaufte.

Lola
00:00 / 00:13

​​Lola: Meine Mutter hat, als sie klein war, in einem Haus gedient. Sie musste schrubben oder kochen, da war sie 6, 7 Jahren alt. Das heißt, noch ein Kind.

1.2.jpg
Loli
00:00 / 00:47

Loli: Als ich in Barcelona ankam, war es schon etwas anderes, denn meine Mutter brachte mich mit. Sie hatte die Gewerkschaftswohnung bekommen. Natürlich hatten sie nichts, keine Betten oder so. Ihr Ehemann arbeitete in einer Reinigung und sie musste den ganzen Tag mit dem Kind auf der Straße verbringen, weil sie die Wohnung mit Kind nicht mieten durften. Also mussten sie das Kind verstecken. Als sie ihr die Wohnung gegeben hatten, ging sie los, um mich in Málaga zu suchen. Ich sagte nein und mein Antonio versteckte sich, aber das Erste, was sie tat, war, mir eine Uhr zu zeigen. Als ich in Barcelona ankam, nahm sie mir die Uhr wieder ab und sie hatten mir bereits eine Arbeit gesucht.

2.3.JPG
2.2.JPG
Bildschirmfoto 2021-06-07 um 17.19.28.pn
5.JPG
Montse
00:00 / 00:26

​Montse: Ich würde meine Grossmutter Encarna als eine starke Frau beschreiben, als eine Kämpferin, als eine Frau, die viel durchmachen musste. Wenn wir ihren Werdegang sehen, würden wir sie vielleicht als eine egoistische Person beschreiben, aber mit der Zeit glaube ich, dass sie eine Frau mit vielen Defiziten war und dass sie nicht wusste, wie sie Liebe geben konnte. Ich glaube, dass sie sich selbst auch nicht geliebt gefühlt hat.

Bildschirmfoto 2021-06-07 um 17.39.36.pn
256.jpg
Lola
00:00 / 00:26

LOLA: Meine Großmutter wusste nicht, wie man Zuneigung zeigt. Meine Großmutter wusste nicht, wie man liebt. Sie war nicht in der Lage, es dir zu zeigen und dir zu sagen: "Oh, wie ich dich liebe! Nein, sie hat es nicht verbalisiert. Ich meine, es ist wahr, dass wir oft gemerkt haben und wussten, dass sie uns liebt. Aber sie wusste nicht, wie sie es verbalisieren sollte, wie sie es ausdrücken sollte.

17 (2).JPG
14.JPG
Bildschirmfoto 2021-06-07 um 17.18.10.pn
4.1.JPG
Lola
00:00 / 00:48

​Lola: Seit ich mich erinnern kann, war meine Großmutter mit einem Witwer hier in Barcelona verheiratet. Dieser Mann hatte einen Sohn, meinen Onkel Juanito und dann hatten sie gemeinsam drei Töchter, meine Tante Matilde und meine Tante María Jesús. Sie hatten noch eine Tochter namens Montse, aber ich habe sie nicht kennengelernt, weil sie an Meningitis starb, als ich 15 Tage alt war. Für sie waren diese drei Kinder, die sie mit diesem Mann hatte, besser als wir alle. Oder das war das Gefühl, das sie mich spüren liess. Ich denke, es lag daran, dass sie selbst das Leben, das sie bis dahin geführt hatte, nicht akzeptierte.

10.1.JPG
13.jpg
Bildschirmfoto 2021-06-07 um 17.39.06.pn
Bildschirmfoto 2021-06-07 um 17.38.31.pn
Lola
00:00 / 00:58

LOLA: Meine Beziehung zu meiner Großmutter mütterlicherseits war voller Liebe und Hass zugleich, sehr viel Liebe und sehr viel Hass. Meine Großmutter mütterlicherseits und ich liebten uns sehr, aber gleichzeitig verstanden wir uns nicht besonders gut. Möglicherweise, weil wir eine Menge Genetik gemeinsam hatten. Zum Beispiel die schlechten Manieren beim Sprechen, wenn ich wütend werde. Aber ich denke, dass ich von ihr auch die Beständigkeit und den Antrieb geerbt habe, etwas zu erreichen. Ich denke, dass meine Großmutter eine Überlebenskünstlerin war und es auf ihre Weise geschafft hat, eine gute Familie zu gründen und ein gutes Leben zu führen, innerhalb all der Not und der Überwindung von allem, was sie als Kind durchmachen musste. Tief im Inneren bewundere ich meine Großmutter, auch wenn sie mich in vielen Dingen sehr verletzt hat.

Paula
00:00 / 00:34

PAULA: Meine Großmutter Loli. Die Geschichte kommt von meiner Urgroßmutter, Encarna, die sie auch verliess. Dann, als meine Großmutter älter war, brachte meine Urgrossmutter sie nach Barcelona, um zu arbeiten und bei ihr zu leben. Später traf meine Grossmutter meinen Grossvater, der auch sein ganzes Leben damit verbracht hat, zu arbeiten, zu hungern, weil auch seine Mutter ihn bei irgendwelchen Nachbarn ausgesetzt hat, bei sehr alten Frauen. Als er meine Grossmutter gefunden hat und eine Arbeit hatte, konnten sie sich endlich einen Teller Essen auf dem Tisch leisten.

17.JPG
19.JPG
Montse
00:00 / 01:04

MONTSE: Mein Vater Valentin wurde in Barcelona geboren. Er wurde von zwei Schwestern aufgezogen, zwei älteren Frauen, die aus Almería stammten. Die Geschichte, die diese Damen ihm erzählten, ist, dass seine Mutter in einem Haus diente und dass sie sich um ihn kümmerten und dass sie eines Tages kam und ihnen sagte, sie könnten ihn behalten. Und dann ging sie und tauchte nie wieder auf. Du kannst dir die damalige Zeit vorstellen, denn er wurde kurz nach Kriegsende geboren, seine Mutter wurde mit ihm in den gewalttätigsten und schlimmsten Tagen des Krieges schwanger. Mein Vater begann zu arbeiten, als er 7 Jahre alt war. Ich kann dir eine Geschichte erzählen: Er arbeitete in einem Obstladen und lieferte Obst aus und da er kein Geld hatte, um zum Laden zu kommen, in dem er arbeitete, hängte er sich an die Straßenbahn. Eines Tages stürzte er und schlug mit dem Kopf auf und lag dann bewusstlos vor der Tür des Ladens. Jemand hatte ihn aufgehoben und liess ihn dort liegen, als wäre es nichts.

4.JPG
3.JPG
Bildschirmfoto 2021-06-07 um 18.56.15.pn
58.JPG
72.JPG
56.JPG
Lola
00:00 / 00:15

​LOLA: Ich finde meine Mutter zerbrechlich, egoistisch, verängstigt. Und eigentlich will sie mehr beschützen, als das sie kann.

Paula
00:00 / 00:14

PAULA: Ich glaube, meine Großmutter lebt mehr in der Vergangenheit. Sie lebt zwar in der Gegenwart, aber sie erinnert sich immer an irgendeinen Moment, irgendeine Situation aus der Vergangenheit.

Dani
00:00 / 00:26
52.JPG
Bildschirmfoto 2021-06-07 um 18.19.30.pn
Lola
00:00 / 00:20

​DANI: Meine Großmutter ist Feuer, sie ist purer Charakter, sie ist auch unglaublich stark und einschmeichelnd und sehr lustig, wenn sie spricht. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund. Sie hat viel Mut, Dinge zu sagen. Sie hat keine Komplexe, auch wenn sie nicht studiert hat, ist ihr alles gleich, sie spricht mit jedem.

Montse
00:00 / 00:13

MONTSE: Nun, meine Mutter ist eine sehr ängstliche Person. Ich glaube, sie hat vor allem Angst vor der Einsamkeit, vor dem Alter, vor dem Tod. Sie ist auch eine sehr unsichere Person.

23.JPG
40.JPG
Dani
00:00 / 00:56

LOLA: Mein Vater ist wie ein Gorilla, der seine Familie, seinen Stamm, gerne aus der Ferne sieht und stolz auf sie ist. Gleichzeitig beschützt er uns aus der Ferne und denkt, dass wir uns gar nicht bewusst sind, dass er uns beschützt.

DANI: Und mein Großvater ist ein Gentleman. Er ist ein Mensch, den man ansieht und der einen beruhigt. Er ist auch ein Mann, der sich von Grund auf weitergebildet hat, autodidaktisch, und der vieles weiß und vieles erklären kann. Und er ist sehr besonnen. Wenn mein Großvater mit  dir spricht, dann deshalb, weil er dir etwas zu sagen hat, und er hat sich das angeschaut und darüber nachgedacht, und er hat auf den richtigen Moment gewartet. Aber er hat auch einen sehr starken Panzer, und ich nehme an, dass diese Härte auch von einer schweren Verlassenheit kommt, von einem Kind, das auf der Suche nach einem Lebensunterhalt war und Angst hatte. Das verpasst dir einen harten Panzer, aus dem man manchmal nur schwer herauskommt, weil es das ist, was dir geholfen hat, dorthin zu kommen, wo du bist, sonst wäre er vielleicht auf dem Weg kaputt gegangen und gestorben.

loli
259.jpg
Paula
00:00 / 01:18
81.JPG
118.JPG
Bildschirmfoto 2021-06-07 um 19.18.07.pn

PAULA: Wie ist mein Grossvater mit seinen Traumata, seinen Ängsten umgegangen? Mein Grossvater hat bis vor kurzem nie mit mir über seine Geschichte gesprochen und er hat immer versucht, eine sehr starke Figur zu bleiben. Wie eine massive Holztür, durch die man nicht hindurchgehen kann. Und jetzt, im Laufe der Jahre, bröckelt diese Mauer, bröckelt diese Tür. Ich denke,im Laufe der Jahre ist es so, dass man anfängt, weniger davon auszugehen, dass alles in Ordnung ist, und man fängt an, sich der Schäden, die man innerlich hat, bewusst zu sein oder sie zu zeigen. Er verbalisiert sie jetzt auch

Ich denke, dass er sich sein ganzes Leben lang sehr bewusst war, was er erlebt hat, und es ist nicht so, dass er es für sich behalten hat, sondern dass er versucht hat, in der Gegenwart zu leben und die Teile, die er nicht mochte, zu verändern. Mit anderen Worten: Er lebte in der Gegenwart, um nicht in die Vergangenheit zurückzukehren.

Montse
00:00 / 00:25

MONTSE: Ja, ich denke, meine Eltern begegnen der Angst auf unterschiedliche Weise. Die Art meiner Mutter ist es, sich nicht der Angst zu stellen. Mein Vater stellt sich seiner Angst. Meine Mutter schleicht sich weg, versteckt sich, versucht, andere dazu zu bringen, ihr zu helfen. Oder aber sie zieht es vor, nicht hinzusehen.

Dani
00:00 / 00:49

DANI: Nun, ich beschreibe meine Familie als etwas Natürliches, mit ihren Misserfolgen, mit ihren Erfolgen, sie sind sehr leidenschaftlich, sie sind sehr herdenhaft, das heißt, sie verteidigen dich, wenn du Recht hast. Tatsächlich ist die Geschichte meiner Familie diejenige, die mich am meisten geformt hat, weil sie so vielfältig ist. Zum Beispiel, mein Grossvater war ein Waisenkind, meine Grossmutter war von klein auf eine Kämpferin und sie war eine Kämpferin für ihre Kinder, von denen sie viele hatte. Das alles verhindert, dass du eine Ausrede für die Probleme in Deinem Leben suchst oder dass du dich niedergeschlagen und beschädigt fühlst, weil du sagst: nein, die mussten viel mehr durchmachen als du und haben es geschafft.

Lola
00:00 / 00:43

LOLA: Meine Familie ist merkwürdig. Wir sind eine Familie, die sehr aufeinander angewiesen ist. Wenn wir uns nicht von Zeit zu Zeit treffen, fehlt uns die Kraft, fehlt uns die Freude. Ich glaube, wir sind sehr aufeinander angewiesen, weil wir uns schon von klein auf umeinander gekümmert haben. Und so ist es manchmal vielleicht ein bisschen wie das Leere-Nest-Syndrom, dass wir uns immer schon hatten oder immer schon da waren- und jetzt, wo jeder von uns eine eigene Familie hat, diese Abhängigkeit, dieses Bedürfnis, zumindest für mich, sich zu sehen und Zeit miteinander zu verbringen, da ist.

Paula
00:00 / 00:34

PAULA: Ich würde meine Familie als eine Familie von Kriegern, von Kämpfern beschreiben, aber es stimmt, dass diese Kämpfe vielleicht dazu geführt haben, dass sie eine Mischung von Emotionen haben, mit der nicht jeder umgehen kann. Ich finde, dass man jede Geschichte kennen sollte, weil sie einem sagt, wie ein Mensch ist.

Montse
00:00 / 00:25

MONTSE: Ich würde meine Familie im Moment so beschreiben... Sie sind großartige Menschen, mit großen Gefühlen, mit großen Ängsten und ich glaube... sie sind sehr viszeral, sie sind Menschen, die viel fühlen, aber sie sind nicht sehr realistisch und ich glaube, wir sind eine Familie mit vielen tiefen Wunden.

80.1.jpg
Bildschirmfoto%202021-06-07%20um%2019.23
Bildschirmfoto 2021-06-07 um 19.24.32.pn
Bildschirmfoto 2021-06-07 um 19.24.42.pn
186.JPG
Lola
00:00 / 00:19

LOLA: (über ihre Eltern) Sie hatten schon immer ein übertriebenes Gefühl Schutz geben zu müssen. Das habe ich geerbt. Ich schätze, sie haben so viel durchgemacht, als sie klein waren, dass sie vielleicht deshalb diesen übertriebenen Beschützerinstinkt uns gegenüber hatten.

Bildschirmfoto 2021-06-07 um 19.26.04.pn
Loli
00:00 / 00:18

LOLI: Ich ändere meine Familie nicht. Ich beneide niemanden in Sachen Zuneigung, in der Liebe, denn ich habe sie. Sie brauchen mir nichts zu schenken, sie geben mir bereits Liebe.

Montse
00:00 / 00:38
Montse
00:00 / 00:36
Paula
00:00 / 00:20
Paula
00:00 / 00:42
Dani
00:00 / 00:25
Montse
00:00 / 00:34
Dani
00:00 / 01:07
Dani
00:00 / 01:23
Dani
00:00 / 01:03
Loli
00:00 / 00:41
Montse
00:00 / 00:11
Lola
00:00 / 00:22
Montse
00:00 / 00:24
Paula
00:00 / 00:17
Lola
00:00 / 00:36
Paula
00:00 / 00:42
Montse
00:00 / 01:43
Paula
00:00 / 00:31
Loli
00:00 / 00:29
Montse
00:00 / 00:55
Paula
00:00 / 02:56
Dani
00:00 / 00:59
Anker 1
Anker 2
Anker 3
baum hintergrund.jpg

La Memoria Heredada

baum mit wurzel2.jpg

​​Dani(Urenkel von Encarna): Wie würde ich Urgrossmutter Encarna beschreiben? Als ich sie kennenlernte, war sie eine ruhige Person. Sie hat mich immer gefragt, wie es mir gehe, hat immer gelächelt, aber ich habe nicht so viele Informationen über Encarna.

Lola
00:00 / 00:06
1.wurzel.jpg
2. wurzel.jpg
3. wurzel.jpg

Paula (Urenkelin von Encarna): die Geschichte meiner Familie. Angefangen bei meiner Urgroßmutter, die einen komplizierten Start hatte, als sie als Baby verlassen und bei einer fremden Familie zurückgelassen wurde. Ich weiß, dass es ihr danach eine Zeit lang gut ging, aber dann traf sie einige Entscheidungen in ihrem Leben, die sie auf einen anderen Weg brachten. Mit meiner Urgroßmutter mütterlicherseits hatte ich Kontakt, aber ich habe nie mit ihr über ihr Leben gesprochen. Natürlich sind Geschichten über die Familie erzählt worden, aber nicht direkt durch sie.

Yaya Encarna 1
Dani
00:00 / 00:18
3_edited.png
2_edited.png
Montse & Lola
00:00 / 01:17
Montse
00:00 / 00:50
Wurzel%205_edited.png
Paula
00:00 / 00:37
Lola
00:00 / 01:16
Loli
00:00 / 00:54

Loli: In Málaga hatte ich eine sehr schlechte Kindheit. Ich musste barfuss gehen, betteln, hungern ... hatte keine Kommunion, keinen Geburtstag, kein Kleid. Es gab Tage, an denen ich gut arbeitete und verdiente, und Tage, an denen mein Onkel meine Kleider nahm und, da er fünf Kinder hatte, sie auf die Straße warf, und mein Bruder und ich uns umarmten und meine Großmutter sagte: "Nimm sie Miguelito, der Kindermörder  kommt um aus ihrem Fett Schmalz und Seife zu machen", und wir sagten: "Aber wie denn, wenn wir nicht mal Fleisch an unserem Körper hatten?

2. wurzel.jpg
8. wurzel.png
8_edited_edited.png
3_edited.png
29700866146_2cfa19f888_b_edited.jpg
8_edited_edited.png
foto juan gonzalez 001.jpg
Lola
00:00 / 00:13
1.2.jpg
Loli
00:00 / 00:47
Wurzel%205_edited.png
2. wurzel.jpg
2. wurzel.jpg
Bildschirmfoto 2021-06-07 um 17.18.10.pn

​Lola: Seit ich mich erinnern kann, war meine Großmutter mit einem Witwer hier in Barcelona verheiratet. Dieser Mann hatte einen Sohn, meinen Onkel Juanito und dann hatten sie gemeinsam drei Töchter, meine Tante Matilde und meine Tante María Jesús. Sie hatten noch eine Tochter namens Montse, aber ich habe sie nicht kennengelernt, weil sie an Meningitis starb, als ich 15 Tage alt war. Für sie waren diese drei Kinder, die sie mit diesem Mann hatte, besser als wir alle. Oder das war das Gefühl, das sie mich spüren liess. Ich denke, es lag daran, dass sie selbst das Leben, das sie bis dahin geführt hatte, nicht akzeptierte.

8. wurzel.png
8. wurzel.png
1.3.jpg
7062033.jpg
10_edited_edited.png
2.3.JPG
4.1.JPG
10_edited_edited.png
10.1.JPG
3_edited.png
2.2.JPG
Montse
00:00 / 00:26
Bildschirmfoto 2021-06-07 um 17.38.31.pn
Lola
00:00 / 00:58
Paula
00:00 / 00:34
1.wurzel.jpg
Bildschirmfoto 2021-06-07 um 17.39.06.pn
13.jpg
8. wurzel.png
Bildschirmfoto 2021-06-07 um 17.19.28.pn
5.JPG
Bildschirmfoto 2021-06-07 um 17.39.36.pn

Loli (Tochter von Encarna): Ich habe nie jemanden von den Vorfahren meiner Mutter Encarna kennengelernt. Auch meine Mutter wurde verlassen, wie ich. Ihre Mutter ging zur Arbeit und steckte ihr ein Stück leere Walnuss mit ein paar Würmern in den Bauchnabel, damit sie sie fressen und hat sie zurückgelassen, ohne ihr Essen zu geben oder sonst etwas. Aber dann kam diese Dame und heilte sie und fütterte sie und das Mädchen wurde jeden Tag dicker und schöner, bis die Mutter es merkte und sie ihr schenkte. Meine Mutter musste also auch vieles durchmachen.

Montse (und Lola) (Enkelinnen von Encarna): Meine Großmutter hatte auch keine Eltern. Angeblich hat ihre Mutter sie nach der Geburt alleine gelassen und steckte ihr Dinge in den Bauchnabel, um zu sehen, ob sie sich infiziert und stirbt. Eines Tages merkte die Mutter, dass die Nachbarn sich um das Baby kümmerten, gab sie ihnen und verschwand. Meine Grossmutter wurde dann von einer Frau grossgezogen, die sie sehr liebte, aber als sie meinen Großvater kennenlernte und mit ihm wegging, wurde sie verstossen. Ich schätze, es war so etwas wie "du bist genau wie deine Mutter (eine Hure) und das alles". Mein Großvater war der typische gutaussehende Kerl, der sie alleine liess und verschwand. Und heute bringe ich Geld mit, morgen bringe ich kein Geld mit und so weiter. Meine Großmutter hatte drei Kinder mit einem Mann, von dem sie wusste, dass er viele andere Kinder mit anderen Frauen hatte. Also brachte meine Großmutter die beiden Kleinen, meinen Onkel Juan und meinen Onkel Eduardo, in ein Waisenhaus. Meine Mutter und mein Onkel Antonio blieben bei der Großmutter (der Mutter des Mannes, mit dem sie ihre ersten drei, (unehelichen) Kinder hatte  und meine Großmutter sagte zu ihr: "Ich werde sie behalten. Geh du  nach Barcelona, zu einer Schwägerin. Sie wird ein Haus und einen Job für dich finden. Sie musste etwas tun, denn in Málaga wurde alles immer schlimmer.

LOLI: Das familiäre Umfeld? Es war Elend, wie jeder es damals hatte...ein Kilo Brot für 8 Kinder  wie kleine Krümel gegessen, ein bisschen hier und noch ein bisschen da versteckt, damit es länger hält. Mein Bruder Antonio mit mir. Mein Juan war schon im Heim der Barmherzigkeit und mein Eduardo im Heim „zum Milchtropfen“, ohne dass sie einander überhaupt kannten. „La Misericordia“ war eine Schule und „Gota de leche“ war das Waisenhaus.

Als mein Bruder Eduardo älter wurde, versetzten sie ihn von der „Gota de leche“ zur „Misericordia“ und dort waren Juan und Eduardo in der gleichen Schule und sie kannten sich nicht. Ich besuchte meinen Bruder Juan, der schon 10 oder 11 Jahre alt war, und er sagte zu mir: "Loli, sie haben mir gesagt, dass du mir ein Paar Schuhe kaufen sollst". Und ich fragte mich, wo kann ich sie für ihn kaufen? Er trug keine Schuhe oder Socken, das ist mir bis heute in der Seele geblieben.

 

Schöne Erinnerungen hatte ich mit meinen Onkeln, mit meinen Cousins, wenn der 18. Juli kam und er uns eine 12 Kilo schwere Wassermelone kaufte.

Lola: (Enkelin von Encarna, Tochter von Loli): Nein, meine Großmutter hat uns nie etwas über ihre Vergangenheit erzählt. Niemals.

Montse: Meine Grossmutter hat nicht viel geredet. Ich kenne einige Episoden. Diese hat sie aber immer als kleine Abenteuer erzählt. Episoden mit meinem Grossvater, dem Vater meiner Mutter, der ein Macho war. Sie erzählte mir alles als Witz, ohne in die Tiefe zu gehen. Ich glaube, sie hat niemandem von ihren dunklen Momenten erzählt. Sie lebte in Málaga. Sie hat ihre Kinder verlassen. Sie ließ sie in den Händen ihrer Großmutter väterlicherseits, aber diese hatte nicht einmal genug, um sie zu ernähren. Meine Grossmutter verliess meine Mutter, als sie 7 Jahre alt war, und ging alleine nach Barcelona. Sie kam erst zurück, als sie 14 war. Meine Mutter denkt bis heute, dass ihre Mutter sie dann nach Barcelona mitnahm, weil sie alt genug war, um zu arbeiten und weil sie als grosse Familie eine Wohnung vom Staat bekamen. Mit anderen Worten: Sie hat nie Zuneigung oder Liebe gespürt.

​​Lola: Meine Mutter hat, als sie klein war, in einem Haus gedient. Sie musste schrubben oder kochen, da war sie 6, 7 Jahren alt. Das heißt, noch ein Kind.

​Montse: Ich würde meine Grossmutter Encarna als eine starke Frau beschreiben, als eine Kämpferin, als eine Frau, die viel durchmachen musste. Wenn wir ihren Werdegang sehen, würden wir sie vielleicht als eine egoistische Person beschreiben, aber mit der Zeit glaube ich, dass sie eine Frau mit vielen Defiziten war und dass sie nicht wusste, wie sie Liebe geben konnte. Ich glaube, dass sie sich selbst auch nicht geliebt gefühlt hat.

Loli: Als ich in Barcelona ankam, war es schon etwas anderes, denn meine Mutter brachte mich mit. Sie hatte die Gewerkschaftswohnung bekommen. Natürlich hatten sie nichts, keine Betten oder so. Ihr Ehemann arbeitete in einer Reinigung und sie musste den ganzen Tag mit dem Kind auf der Straße verbringen, weil sie die Wohnung mit Kind nicht mieten durften. Also mussten sie das Kind verstecken. Als sie ihr die Wohnung gegeben hatten, ging sie los, um mich in Málaga zu suchen. Ich sagte nein und mein Antonio versteckte sich, aber das Erste, was sie tat, war, mir eine Uhr zu zeigen. Als ich in Barcelona ankam, nahm sie mir die Uhr wieder ab und sie hatten mir bereits eine Arbeit gesucht.

LOLA: Ich habe schon in meiner Jugend Informationen von meiner Familie gesammelt, weil uns immer sehr wenig erzählt wurde. Wir mussten immer ein bisschen von dort und ein bisschen von dort nehmen und das Puzzle zusammensetzen.

Meine Familie stammt mütterlicherseits aus Andalusien. Gemäss dieser Geschichte, wie ich sie kenne, musste meine Großmutter und meine Mutter dort in Not leben, das hat sie dazu bewogen nach Barcelona zu kommen.

Meine Mutter und zwei, drei ihrer Geschwister wurden von einer alten Frau aufgezogen. Meine Großmutter kam nach Barcelona, als ihre Kinder klein waren und brachte sie erst nach Barcelona, als sie alt genug zum Arbeiten waren. Sie kümmerte sich nicht um ihre Erziehung oder alles, was mit ihrer Ausbildung oder ihrer Gesundheit zu tun hatte. Ich glaube, sie konnte sich selbst nie das Leben, das sie geschaffen hatte, verzeihen. Das sind Dinge, die ich der Yaya Encarna oft vorgeworfen habe. Du kannst nicht anderen Menschen die Schuld geben oder sie ablehnen, nur weil dir danach ist.

boden%252525252520baum_edited_edited_edi
boden%252520baum_edited_edited_edited.pn
Lola
00:00 / 00:48
Loli
00:00 / 01:08
8_edited_edited.png
19.JPG
1.wurzel.jpg
256.jpg
Lola
00:00 / 00:26

LOLA: Meine Großmutter wusste nicht, wie man Zuneigung zeigt. Meine Großmutter wusste nicht, wie man liebt. Sie war nicht in der Lage, es dir zu zeigen und dir zu sagen: "Oh, wie ich dich liebe! Nein, sie hat es nicht verbalisiert. Ich meine, es ist wahr, dass wir oft gemerkt haben und wussten, dass sie uns liebt. Aber sie wusste nicht, wie sie es verbalisieren sollte, wie sie es ausdrücken sollte.

LOLA: Meine Beziehung zu meiner Großmutter mütterlicherseits war voller Liebe und Hass zugleich, sehr viel Liebe und sehr viel Hass. Meine Großmutter mütterlicherseits und ich liebten uns sehr, aber gleichzeitig verstanden wir uns nicht besonders gut. Möglicherweise, weil wir eine Menge Genetik gemeinsam hatten. Zum Beispiel die schlechten Manieren beim Sprechen, wenn ich wütend werde. Aber ich denke, dass ich von ihr auch die Beständigkeit und den Antrieb geerbt habe, etwas zu erreichen. Ich denke, dass meine Großmutter eine Überlebenskünstlerin war und es auf ihre Weise geschafft hat, eine gute Familie zu gründen und ein gutes Leben zu führen, innerhalb all der Not und der Überwindung von allem, was sie als Kind durchmachen musste. Tief im Inneren bewundere ich meine Großmutter, auch wenn sie mich in vielen Dingen sehr verletzt hat.

3_edited.png
äste.png
Loli
00:00 / 00:40
2.1.JPG
Wurzel%205_edited.png
Wurzel%205_edited.png
b5c02bbc09bccd29543663385a9e0cd0_edited.
4.JPG
3.JPG
äste2.png
17.JPG
17 (2).JPG
8. wurzel.png
14.JPG

MONTSE: Mein Vater Valentin wurde in Barcelona geboren. Er wurde von zwei Schwestern aufgezogen, zwei älteren Frauen, die aus Almería stammten. Die Geschichte, die diese Damen ihm erzählten, ist, dass seine Mutter in einem Haus diente und dass sie sich um ihn kümmerten und dass sie eines Tages kam und ihnen sagte, sie könnten ihn behalten. Und dann ging sie und tauchte nie wieder auf. Du kannst dir die damalige Zeit vorstellen, denn er wurde kurz nach Kriegsende geboren, seine Mutter wurde mit ihm in den gewalttätigsten und schlimmsten Tagen des Krieges schwanger. Mein Vater begann zu arbeiten, als er 7 Jahre alt war. Ich kann dir eine Geschichte erzählen: Er arbeitete in einem Obstladen und lieferte Obst aus und da er kein Geld hatte, um zum Laden zu kommen, in dem er arbeitete, hängte er sich an die Straßenbahn. Eines Tages stürzte er und schlug mit dem Kopf auf und lag dann bewusstlos vor der Tür des Ladens. Jemand hatte ihn aufgehoben und liess ihn dort liegen, als wäre es nichts.

Montse
00:00 / 01:04
äste.png
Wurzel%205_edited.png
Lola
00:00 / 00:15

​LOLA: Ich finde meine Mutter zerbrechlich, egoistisch, verängstigt. Und eigentlich will sie mehr beschützen, als das sie kann.

Paula
00:00 / 00:14

PAULA: Ich glaube, meine Großmutter lebt mehr in der Vergangenheit. Sie lebt zwar in der Gegenwart, aber sie erinnert sich immer an irgendeinen Moment, irgendeine Situation aus der Vergangenheit.

10_edited_edited.png
Bildschirmfoto 2021-06-07 um 18.56.15.pn
Dani
00:00 / 00:26

​DANI: Meine Großmutter ist Feuer, sie ist purer Charakter, sie ist auch unglaublich stark und einschmeichelnd und sehr lustig, wenn sie spricht. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund. Sie hat viel Mut, Dinge zu sagen. Sie hat keine Komplexe, auch wenn sie nicht studiert hat, ist ihr alles gleich, sie spricht mit jedem.

Montse
00:00 / 00:13
Lola
00:00 / 00:20
Dani
00:00 / 00:56

MONTSE: Nun, meine Mutter ist eine sehr ängstliche Person. Ich glaube, sie hat vor allem Angst vor der Einsamkeit, vor dem Alter, vor dem Tod. Sie ist auch eine sehr unsichere Person.

äste5.png
56.JPG
8_edited_edited.png
1.wurzel.jpg
72.JPG
8_edited_edited.png
äste.png

PAULA: Meine Großmutter Loli. Die Geschichte kommt von meiner Urgroßmutter, Encarna, die sie auch verliess. Dann, als meine Großmutter älter war, brachte meine Urgrossmutter sie nach Barcelona, um zu arbeiten und bei ihr zu leben. Später traf meine Grossmutter meinen Grossvater, der auch sein ganzes Leben damit verbracht hat, zu arbeiten, zu hungern, weil auch seine Mutter ihn bei irgendwelchen Nachbarn ausgesetzt hat, bei sehr alten Frauen. Als er meine Grossmutter gefunden hat und eine Arbeit hatte, konnten sie sich endlich einen Teller Essen auf dem Tisch leisten.

Montse
00:00 / 00:25
3_edited.png
loli
52.JPG
8. wurzel.png
40.JPG
259.jpg
8_edited_edited.png
23.JPG
Bildschirmfoto 2021-06-07 um 18.19.30.pn

DANI: Und mein Großvater ist ein Gentleman. Er ist ein Mensch, den man ansieht und der einen beruhigt. Er ist auch ein Mann, der sich von Grund auf weitergebildet hat, autodidaktisch, und der vieles weiß und vieles erklären kann. Und er ist sehr besonnen. Wenn mein Großvater mit  dir spricht, dann deshalb, weil er dir etwas zu sagen hat, und er hat sich das angeschaut und darüber nachgedacht, und er hat auf den richtigen Moment gewartet. Aber er hat auch einen sehr starken Panzer, und ich nehme an, dass diese Härte auch von einer schweren Verlassenheit kommt, von einem Kind, das auf der Suche nach einem Lebensunterhalt war und Angst hatte. Das verpasst dir einen harten Panzer, aus dem man manchmal nur schwer herauskommt, weil es das ist, was dir geholfen hat, dorthin zu kommen, wo du bist, sonst wäre er vielleicht auf dem Weg kaputt gegangen und gestorben.

LOLA: Mein Vater ist wie ein Gorilla, der seine Familie, seinen Stamm, gerne aus der Ferne sieht und stolz auf sie ist. Gleichzeitig beschützt er uns aus der Ferne und denkt, dass wir uns gar nicht bewusst sind, dass er uns beschützt.

Paula
00:00 / 01:18
2. wurzel.jpg
81.JPG
2. wurzel.jpg
118.JPG
Dani
00:00 / 00:49
Lola
00:00 / 00:43
Paula
00:00 / 00:34
Montse
00:00 / 00:25
8_edited_edited.png
Bildschirmfoto 2021-06-07 um 19.18.07.pn
10_edited_edited.png

MONTSE: Ja, ich denke, meine Eltern begegnen der Angst auf unterschiedliche Weise. Die Art meiner Mutter ist es, sich nicht der Angst zu stellen. Mein Vater stellt sich seiner Angst. Meine Mutter schleicht sich weg, versteckt sich, versucht, andere dazu zu bringen, ihr zu helfen. Oder aber sie zieht es vor, nicht hinzusehen.

äste12.png
8. wurzel.png
80.1.jpg
Bildschirmfoto%202021-06-07%20um%2019.23

DANI: Nun, ich beschreibe meine Familie als etwas Natürliches, mit ihren Misserfolgen, mit ihren Erfolgen, sie sind sehr leidenschaftlich, sie sind sehr herdenhaft, das heißt, sie verteidigen dich, wenn du Recht hast. Tatsächlich ist die Geschichte meiner Familie diejenige, die mich am meisten geformt hat, weil sie so vielfältig ist. Zum Beispiel, mein Grossvater war ein Waisenkind, meine Grossmutter war von klein auf eine Kämpferin und sie war eine Kämpferin für ihre Kinder, von denen sie viele hatte. Das alles verhindert, dass du eine Ausrede für die Probleme in Deinem Leben suchst oder dass du dich niedergeschlagen und beschädigt fühlst, weil du sagst: nein, die mussten viel mehr durchmachen als du und haben es geschafft.

LOLA: Meine Familie ist merkwürdig. Wir sind eine Familie, die sehr aufeinander angewiesen ist. Wenn wir uns nicht von Zeit zu Zeit treffen, fehlt uns die Kraft, fehlt uns die Freude. Ich glaube, wir sind sehr aufeinander angewiesen, weil wir uns schon von klein auf umeinander gekümmert haben. Und so ist es manchmal vielleicht ein bisschen wie das Leere-Nest-Syndrom, dass wir uns immer schon hatten oder immer schon da waren- und jetzt, wo jeder von uns eine eigene Familie hat, diese Abhängigkeit, dieses Bedürfnis, zumindest für mich, sich zu sehen und Zeit miteinander zu verbringen, da ist.

Lola
00:00 / 00:19
Montse
00:00 / 00:38

MONTSE: Eine meiner ersten Erinnerungen ist das Spielen mit meinem Vater und meinen Schwestern. Wenn er von der Arbeit nach Hause kam, holte er uns ab, stellte uns auf seine Füße und tanzte mit uns, mit einer nach der anderen. Wir gingen jeden Sonntag raus, nahmen das Auto und fuhren in die Berge. Und die lustigste Erinnerung, die ich habe, ist, dass mein Vater sich immer verkleidet hat, um mit uns zu singen und den Clown zu spielen. Das ist eine der lustigsten Erinnerungen, die ich habe.

LOLA: (über ihre Eltern) Sie hatten schon immer ein übertriebenes Gefühl Schutz geben zu müssen. Das habe ich geerbt. Ich schätze, sie haben so viel durchgemacht, als sie klein waren, dass sie vielleicht deshalb diesen übertriebenen Beschützerinstinkt uns gegenüber hatten.

Loli
00:00 / 00:18

LOLI: Ich ändere meine Familie nicht. Ich beneide niemanden in Sachen Zuneigung, in der Liebe, denn ich habe sie. Sie brauchen mir nichts zu schenken, sie geben mir bereits Liebe.

Montse
00:00 / 00:36
8. wurzel.png
Bildschirmfoto 2021-06-07 um 19.24.42.pn
Bildschirmfoto 2021-06-07 um 19.24.32.pn

PAULA: Ich würde meine Familie als eine Familie von Kriegern, von Kämpfern beschreiben, aber es stimmt, dass diese Kämpfe vielleicht dazu geführt haben, dass sie eine Mischung von Emotionen haben, mit der nicht jeder umgehen kann. Ich finde, dass man jede Geschichte kennen sollte, weil sie einem sagt, wie ein Mensch ist.

MONTSE: Ich würde meine Familie im Moment so beschreiben... Sie sind großartige Menschen, mit großen Gefühlen, mit großen Ängsten und ich glaube... sie sind sehr viszeral, sie sind Menschen, die viel fühlen, aber sie sind nicht sehr realistisch und ich glaube, wir sind eine Familie mit vielen tiefen Wunden.

8_edited_edited_edited.png
äste.png
8_edited_edited_edited.png
186.JPG
58.JPG
Wurzel%205_edited.png
Bildschirmfoto 2021-06-07 um 19.17.56.pn
8. wurzel.png
Bildschirmfoto 2021-06-07 um 19.23.21.pn
Bildschirmfoto 2021-06-07 um 19.20.47.pn

MONTSE: Wie erinnere ich mich an das Leben als Teenager? Ich erinnere mich nicht an ein Leben als Teenager, weil ich so schnell erwachsen werden musste. Ich habe die Verantwortung für meinen jüngeren Geschwistern fast mit meiner Mutter geteilt und ich sehe diese Zeit in meiner Familie als keine Gute. Es war eine Umgebung, die zu groß für mich war, wegen der Verantwortung, wegen der Ängste, weil wir für vier kleine Kinder verantwortlich waren und ich sah meine Mutter als abwesend und meinen Vater auch, weil er den ganzen Tag draußen arbeitete.

Paula
00:00 / 00:20

PAULA: Es ist so, dass meine Tanten und Onkel nicht wirklich die gleiche Erziehung genossen haben. Denn die Älteren haben nicht die gleiche Erziehung genossen wie die Jüngeren, denn als die Älteren älter wurden, zogen sie ihre Geschwister auf und kümmerten sich um sie. Sie waren die Verantwortlichen.

Paula
00:00 / 00:42
8. wurzel.png
8_edited_edited.png
IMG_0526.jpeg
8_edited_edited_edited.png
IMG_6384.jpeg
IMG_0596.jpeg
Dani
00:00 / 00:25
Montse
00:00 / 00:34
Dani
00:00 / 01:07
8. wurzel.png
IMG_2536.jpeg
8. wurzel.png
8. wurzel.png
196.JPG
290.jpg
Bildschirmfoto 2021-06-07 um 21.35.24.pn

MONTSE: Ich bin mit 18 von zu Hause weggegangen, ich schätze, ich wollte meine eigene Familie gründen und das führte dazu, dass ich viele Fehler machte. Ich hatte oft grosse Angst, denn als ich 19 Jahre alt war, lernte ich den Vater meines Sohnes kennen. Er war gewalttätig und ich hatte große Angst um mich selbst und große Angst um meinen Sohn.

DANI: Mein Vater war ein sehr aggressiver Mensch und es gibt Dinge, die sich in kleinen Bildern, in kurzen Zeiträumen, irgendwie in mein Gehirn eingebrannt haben. Es gibt Flashbacks, -Erinnerungen, wie ... das ist passiert, aber ich bin nicht in der Lage zu begründen, wie wir dorthin gekommen sind oder wie das geendet hat, aber ich erinnere mich an Millisekunden einer Situation, die passiert ist, die unangenehm war.

Mein Vater ist unbeschreiblich. Ich weiss nicht, ob es daran liegt, dass ich so voreingenommen bin, dass ich ihn furchtbar finde, aber ich habe nur wenige Menschen, die so sind, in meinem Leben getroffen. Lange Zeit hatte ich Angst vor aggressiven Männern. Derjenige, der Traumata an mich weitergegeben hat, war mein Vater. Ich habe immer gesagt, dass mein Vater eines der stärksten Beispiele war, die ich hatte, und eines der funktionellsten, denke ich, weil er ein klares Beispiel dafür war, was man nicht tun sollte, und das ist sehr lehrreich.

DANI: Eine meiner ersten Erinnerungen? Es ist nur so, dass alle meine ersten Erinnerungen schlecht sind. Ich erinnere mich an Dinge, die ein wenig schockierend sind. Aus der Zeit, als meine Mutter, ich und mein Vater zusammenlebten. Sie sind irgendwie verschwommen, Meine ersten guten Erinnerungen sind, als ich mit vier Jahren im Haus meiner Großmutter ankam und wie ich mit der Familie interagierte und vor allem, als ich mit meinen Onkeln und Tanten spielte und solche Dinge.

8_edited_edited_edited.png
299.JPG
297.jpg
Dani
00:00 / 01:23

DANI: Ich sehe meine Mutter als eine der stärksten Frauen, die ich je gekannt habe und je kennenlernen werde, fähig zu einer unglaublichen Einfühlsamkeit, eine Person, die immer auf der Suche ist, die wissensbegierig ist und die, obwohl sie kaum zur Schule ging, mir Dinge wie das Lesen von Büchern, die Neugierde auf Wissen eingeflößt hat, sie hat es uns nicht alles vorgesetzt, sondern wir mussten es suchen. Ich habe gesehen, dass sie Angst vor meinem Vater hatte, sehr, sehr viel Angst, in dem Sinne, dass wir uns versteckt haben, dass wir alles Mögliche gemacht haben, damit er nicht wütend wird. Ich sah, wie sie Angst vor diesem Mann hatte, aber dann sah ich das Feuer in ihren Augen, sich zu verteidigen, zu sagen: "Nein, das war's". Das Faszinierende ist, eine Person zu sehen, die nach einem Weg sucht, da rauszukommen, aus diesem dunklen Raum, weil es ein Trauma ist. Ich erinnere mich daran, dass ich, als ich noch sehr klein war, mit meiner Mutter wie ein Erwachsener über einige ziemlich heftige Dinge gesprochen habe. Sie war kein Mensch, der sich für mich etwas ausdenken wollte, der mir eine Geschichte erzählen wollte, damit ich es nicht merke. Sie ist eine Person, die mich von der ersten Minute meines Lebens an direkt angesprochen hat und mir dies und das gesagt hat, sanft, aber immer, wie es ist.

Bildschirmfoto 2021-06-07 um 19.26.04.pn

PAULA: Ich erinnere mich gerne an meine Kindheit. Ich hatte das Glück, dass es mir nie an irgendetwas mangelte und ich immer meine Familie und Freunde um mich herum hatte. Eine der ersten Erinnerungen in meinem Leben ist bei meiner Tante, mit der ganzen Familie. Wir kamen meistens alle zusammen, um einen Feiertag oder einen Geburtstag oder etwas anderes zusammen zu verbringen. Dann wurden auch die jüngeren Generationen ein wenig von den anderen getrennt. Es waren wie zwei Minipartys.

Information:

 

In meinem Projekt namens "la memoria heredada" (geerbte Erinnerung) habe ich mich unter anderem mit dem Thema der transgenerationalen Übertragung von Angst befasst. Ich bin der Frage nachgegangen, inwieweit erlebte Traumata und daraus entstehende Ängste von den älteren Generationen auf ihre Nachkommen übertragen werden können. Dafür habe ich mich mit den Lebensgeschichten verschiedener Mitglieder einer spanischen Familie befasst und mit Hilfe von Interviews und Familienfotografien, diese Geschichte Stück für Stück erforscht und so begonnen, ihren Ursprung und ihre Entwicklung zu verstehen.

dani
Loli
00:00 / 00:41

LOLI: Ich habe vor vielen Dingen Angst. Zum Beispiel, dass jemand ins Haus kommt.

An meinem Leben würde ich verändern, nicht so viele Kinder bekommen zu haben, ich hätte ihnen gerne eine Ausbildung ermöglichen wollen und ich wäre gerne ein friedlicherer Mensch gewesen. Aber das lag daran, dass mir ein Kuss, eine Umarmung fehlte. Ich habe diesen Mangel.

Montse
00:00 / 00:11

MONTSE: Meine Mutter trägt ihre Vergangenheit mit sich. Sie vermisst ihre Mutter und fühlt sich verpflichtet, sie zu lieben, aber ich glaube nicht, dass sie ihr verziehen hat. Das ist immer noch da.

Lola
00:00 / 00:22

LOLA: Es geht einfach um das Nicht- verzeihen- können. Vor allem ihrer Mutter, weil sie ihre Mutter wirklich geliebt hat, ihren Vater hat sie nie geliebt, er war nie eine Person in ihrem Leben, nie da, zu irgendeinem Zeitpunkt in ihrem Leben.

Dani
00:00 / 01:03

DANI: Und meine Grossmutter, es gibt einen Moment mit ihr, an den ich mich erinnere und den ich niemals vergessen werde. Eines Tages kam mein Vater, um mich im Haus meiner Grossmutter zu suchen, als wir schon dort wohnten, und er kam wie immer, entweder unter Drogen oder betrunken und sehr aggressiv, und er wollte mich mitnehmen und er dachte, es würde ihm gelingen, und meine Grossmutter kam die Treppe hinunter mit einem Messer und dieser Mann hatte keine andere Wahl, als dorthin zurückzugehen, von wo er gekommen war. Erinnere mich, dass ich neben meiner Grossmutter stand, und meine Großmutter hat nicht einmal ihre Stimme erhoben, sie kam ruhig herunter, und sie hat ihm nicht einmal wehgetan oder so. Sie stand da mit einer klaren Botschaft an ihn, an eine gefährliche Person, und diese Person musste gehen. Meine Grossmutter war eine Dame und mein Vater war ein Bergsteiger, ein starker Kerl, der keinen Mut hatte. Warum? Weil für meine Grossmutter klar war, dass der Mann das Kind nicht mitnehmen würde.

Bildschirmfoto%202021-06-07%20um%2021.52
Bildschirmfoto 2021-06-07 um 18.21.55.pn
Bildschirmfoto 2021-06-07 um 21.51.03.pn
Bildschirmfoto 2021-06-07 um 19.17.42.pn
Lola
00:00 / 00:36

LOLA: Ich denke, die Situationen, in denen ich die meiste Angst empfunden habe, wurden von meinem Verstand erschaffen. Ich habe keine realen Situationen erlebt, das heißt, ich habe meist mehr Ängste vor dem, was ich mir vorstelle, als vor dem, was wirklich wahr ist. Wovor ich im Leben am meisten Angst habe, ist, dass den Menschen, die ich sehr liebe, oder den Menschen, die ich immer versucht habe zu beschützen, etwas passiert.

Paula
00:00 / 00:42

PAULA: Ich denke, sie haben die Ängste, die sie hatten, übertragen. Ich glaube, das haben sie. Ich denke, sie haben uns immer vermittelt, dass wir zusammenhalten sollten. Und ich denke, sie haben es geschafft, sowohl im positiven als auch negativen Sinn. Positiv, weil die Familie, immer zusammen sein musste. Aber gleichzeitig denke ich, dass dieser Impuls, sie immer zusammenzuhalten, egal was passiert, trotz aller Umstände, auch eine Angst vor einer Einsamkeit erzeugt, die im Lernprozess notwendig ist.

Montse
00:00 / 01:43

MONTSE: Ich glaube, ja, die größte Angst, die ich habe oder hatte, ist, dass andere über mich urteilen, wie andere mich sehen, nicht jeder, aber die Menschen, die ich liebe. Sie sollten mich akzeptieren und ich hatte Angst, nicht akzeptiert zu werden, oder verurteilt zu werden oder dass sie denken, dass ich nicht so sein sollte, wie ich bin. Davor hatte ich immer sehr viel Angst.
Diese Angst war das Ergebnis der Tatsache, dass ich  meine Familie auf keinen Fall verlieren  wollte, und dass sie mich akzeptieren sollten wie ich war, sie aber erwarteten, dass  ich so sein müsste, wie sie. Die gleiche Angst, die meine Eltern hatten oder die meine Großmutter immer hatte, alleine zu sein, hat in uns das Gefühl ausgelöst, dass wir immer vereint sein müssen, um stark zu sein, dass wir das sein müssen, was viele Leute in meiner Familie jetzt den Clan und den Stamm nennen. Ich sage nicht, dass die Vereinigung etwas Schlechtes ist, im Gegenteil. Sie ist gut aber immer von jedem Einzelnen ausgehend und von der Individualität. Und die Akzeptanz muss da sein, dass wir alle unterschiedlich sind. Wie sollten uns nicht verurteilen, sondern akzeptieren, auch wenn wir unterschiedlich  sind. Sowohl meine Mutter, als auch meine Großmutter haben uns immer vermittelt, dass wir, egal was passiert, , zusammen sein müssen, dass wir niemand anderen brauchen, wenn wir einander haben. Ich vermute, es lag an ihrem Mangel, am Alleinsein, daran, dass sie das nicht hatten, dass sie es suchten und stark wurden. Und gleichzeitig war es ihr Schutz. Der Clan umgibt mich und hält mich.

Montse
00:00 / 00:24

MONTSE; Ich glaube, meine Mutter wollte es anders machen. Allerdings ist sie, als sie die Beziehung mit meinem Vater begonnen hatte, auch vor einer Situation weglaufen und wurde sehr jung Mutter und wollte uns mehr geben, aber sie hat es nicht geschafft und ich denke, meine Mutter hat sich sehr schlecht gefühlt und hatte eine sehr schlechte Zeit, weil sie nicht die Liebe und Verantwortung und die Zuneigung geben konnte, die sie wollte.

Paula
00:00 / 00:17

PAULA: Wenn ich mich nicht irre, waren meine Grosseltern mit 18 schon zusammen und hatten eine Familie. Ich schätze, was sie vermeiden wollten, ist, dass ihre Kinder das Gleiche durchmachen würden, wie sie selbst. Und doch weiß ich, dass viele von ihnen auch von klein auf arbeitet mussten, um die Familie zu unterstützen.

Bildschirmfoto 2021-06-08 um 11.50.28.pn
112.JPG
106.JPG
Paula
00:00 / 00:31
IMG_2533.jpeg

PAULA: Ich habe Angst um andere, vielleicht, aber nicht um mich selbst. Glücklicherweise kann ich für den Moment sagen, dass ich keine Situation hatte, in der ich verschreckt wurde, aber ich habe Angst vor der Gesellschaft, davor, wo ich enden könnte, denn ich habe nicht nur Angst um meine Leute, für diejenigen, die mir nahestehen, sondern für alle Menschen, die wirklich leiden wegen der Gesellschaft, zu der wir uns entwickelt haben oder die sich in Zukunft noch entwickeln wird.

Loli
00:00 / 00:29

LOLI: Vielleicht bin ich beeinflusst davon, dass ich nie die Umarmung meiner Mutter hatte, und deshalb möchte ich meinen Kindern viel geben und kann es nicht.

Montse
00:00 / 00:55
252.jpg

MONTSE: Meiner Meinung nach fehlte den drei ältesten Menschen in meiner Familie, meinem Vater, meiner Mutter, meiner Großmutter, die Fähigkeit, Zuneigung zu zeigen, weil sie selbst keinen starken Familienkern hatten, sie hatten keine Mutter, sie hatten keine Familie. Ich weiß zwar, dass sie uns liebten, aber sie wussten nicht, wie sie es weitergeben sollten. Das Leben hat mir Zuneigung gegeben, es hat mir Liebe gegeben und so habe ich es gelernt. Aber wir sind wirklich Menschen, die diesen Mangel auch haben.Dieser Mangel hat mich geprägt, beschützend zu sein, sehr beschützend zu sein. Aber was ich vorher gesagt habe, ich bin kein liebender Mensch, aber ich bin ein sehr beschützender Mensch, nicht nur bei meinem Kind, bei meinen Neffen, bei meinen Geschwistern. Das habe ich und es hat mich leiden lassen, weil ich nie in der Lage war, glücklich zu sein, wenn ich sah, dass einem von ihnen etwas fehlte. Vielleicht liegt es daran, dass ich nicht wollte, dass sie sich so einsam fühlen, wie ich mich manchmal gefühlt habe.

Paula
00:00 / 02:56

PAULA: Ob ich glaube, dass die vorherigen Generationen diesen Mangel haben? Ja, ich weiss es. Ich glaube sie haben diesen Eifer, für andere und sich selbst Stärke zu zeigen. Ich denke, dass die neuen Generationen sich in diesem Aspekt verbessern. In der Tatsache, dass Weinen okay ist, zu fühlen, es ist notwendig, wir sind Menschen. Und das Typische „ Männer weinen nicht“. Zum Glück fangen wir an, es zu durchbrechen und Männer weinen doch. Ich denke zu bestimmten Zeiten war es schlecht, wenn du dir Schwäche hast anmerken lassen. Wenn du die Maske abgenommen hättest, wäre alles eingebrochen und ich denke, dass du in diesen Zeiten nicht das Privileg hattest, zusammenzubrechen.

 Ich denke, dass die Generationen, die jetzt heranwachsen, die Erlaubnis haben, zu weinen. Erlaubnis zum Fühlen. Natürlich gibt es alles, und es gibt immer noch viele Tabus, aber ich denke, es gibt eine Leichtigkeit und eine Zustimmung, diese Emotionen zu haben, die es vorher nicht gab. Ich denke, dass die Generationen, die diese Momente erlebt haben, sich ändern können, aber ich denke, dass es sehr schwierig ist, eine Programmierung aufzulösen, die einem ein Leben lang eingeredet wurde. Es ist nicht unmöglich, aber es ist schwierig. Ich glaube, wir brauchen mehr professionelle Hilfe, als wir glauben. Und es gibt viele Zeiten, in denen wir das nicht akzeptieren, weil wir, wie gesagt, noch viele Tabus haben. Offensichtlich sind sie in den älteren Generationen verstärkter. Es ist sehr schwierig für sie, sich zu erlauben, zu weinen oder zu fühlen. Vielleicht tun sie das, aber bei geschlossener Tür. Es ist wahr, dass ich vielleicht diesen Drang zu umarmen, diese Lust zu berühren, weniger gesehen habe. Ich meine, sie umarmen, sie lieben, und sie wissen, wie sie es einem zeigen können, aber ich glaube, ich bin auch in bestimmten Aspekten zurückhaltend. Ich meine, es gibt Dinge in der Gesellschaft wie Umarmen oder Küssen, bei denen ich mich nicht wohl fühle. Ob es von dort kommt, weiß ich nicht.

Bildschirmfoto 2021-06-08 um 11.51.02.pn
Photo1.jpg
Dani
00:00 / 00:59

DANI: Ich schreibe Songs und ich schreibe, was mir passiert. Ich erinnere  mich an ein paar Songs, die wie eine Übung, eine emotionale Heilung waren. Es verinnerlicht zu haben, den Prozess zu kennen und in der Lage zu sein, es von außen zu betrachten, hat mir ermöglicht, wirklich zu verstehen, was passiert ist, und meine Schuldgefühle wegzunehmen und das irgendwie fließen zu lassen, wie eine Geschichte, damit ich es nicht zu sehr verurteile und nicht noch mehr Frustration erzeuge. Für mich ist es ein heilender Prozess, zu schreiben.

PAULA: Wie ist mein Grossvater mit seinen Traumata, seinen Ängsten umgegangen? Mein Grossvater hat bis vor kurzem nie mit mir über seine Geschichte gesprochen und er hat immer versucht, eine sehr starke Figur zu bleiben. Wie eine massive Holztür, durch die man nicht hindurchgehen kann. Und jetzt, im Laufe der Jahre, bröckelt diese Mauer, bröckelt diese Tür. Ich denke,im Laufe der Jahre ist es so, dass man anfängt, weniger davon auszugehen, dass alles in Ordnung ist, und man fängt an, sich der Schäden, die man innerlich hat, bewusst zu sein oder sie zu zeigen. Er verbalisiert sie jetzt auch

Ich denke, dass er sich sein ganzes Leben lang sehr bewusst war, was er erlebt hat, und es ist nicht so, dass er es für sich behalten hat, sondern dass er versucht hat, in der Gegenwart zu leben und die Teile, die er nicht mochte, zu verändern. Mit anderen Worten: Er lebte in der Gegenwart, um nicht in die Vergangenheit zurückzukehren.

bottom of page